Ergebnisse

Gestaltungswille und Wissenslücken

eine Zwischenbilanz zu #meinfernsehen2021

von Frauke Gerlach und Christiane Eilders aus epd medien 14/21 vom 9. April 2021 

Die große Teilnahmebereitschaft am Online-Beteiligungsverfahren zur Zukunft des Fernsehens stellt das erste Ergebnis des Verfahrens dar. Insgesamt haben sich in den ersten beiden Phasen 1.014 Menschen auf der Plattform registriert. Davon haben 637 am Verfahren teilgenommen und insgesamt 2.418 Beiträge geschrieben. Eindrucksvoll ist auch die Kennzahl über die tägliche Aktivität auf der Plattform: Die durchschnittliche Anzahl von Beiträgen pro Tag betrug in der ersten Phase 41 und in der zweiten Phase 33.

Ein zentrales Ergebnis des Beteiligungsverfahrens ist die weitgehende Abwesenheit von inzivilen Beiträgen oder gar Hatespeech. Die Diskussion verlief in weiten Teilen respektvoll. Das Moderationsteam musste sehr selten eingreifen. Das ist umso bemerkenswerter, als der Gesamttenor der Beiträge in beiden Phasen eher negativ war, in den Beiträgen also sehr viel mehr Kritik als Unterstützung geäußert wurde.

Die Teilnehmenden waren sich weitgehend einig darüber, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen reformbedürftig ist und bei allen Reformen die Zuschauenden in die Entscheidungen eingebunden werden sollten. Darüber, wie fundamental diese Reformen sein müssten, gingen die Meinungen auseinander. Die Kritikpunkte waren entsprechend auf ganz unterschiedlichen Ebenen angelegt. In Bezug auf den Auftrag und die Programmschwerpunkte waren sich die Teilnehmenden uneinig, ob ausschließlich Information und Bildung oder auch Unterhaltung, Kultur und Sport angeboten werden sollten. Weniger leichte Unterhaltung und mehr Kultur im Unterhaltungsbereich und mehr hochwertige Dokumentationen zu attraktiveren Sendezeiten waren weitere von einigen Teilnehmenden formulierte Wünsche. Auch Bildungsangebote sollten nach Ansicht vieler Teilnehmender vermehrt angeboten werden. In allen Programmtypen sollte die Qualität anstelle der Quoten entscheidend sein.

Umstrittene Nachrichtensendungen

In Bezug auf die Vielfalt innerhalb von Programmkategorien wurde vor allem die als mangelhaft empfundene Diversität von Themen und Gästen in Talkshows angesprochen. In fiktionalen Formaten wurden ebenfalls die immer gleichen Geschichten und Gesichter sowie der große Anteil von Krimis im Programm und die Allgegenwart von Gewalt bemängelt. Es wurde angeregt, stärker gesellschaftlich relevante Themen aufzugreifen. In Unterhaltungsshows wollten einige vielfältigere und stärker zeitgemäße Formate mit weniger Prominenten sehen, die auch Jüngere ansprechen. Als gelungene Angebotsform zwischen der Unterhaltungs- und der Informationssäule galten die interaktiven Formate zu besonders gesellschaftlich relevanten Themen wie “Gott” von Ferdinand von Schirach.

Sehr umstritten waren die Nachrichtensendungen. Sie wurden zwar von vielen als verlässliche Informationsquellen und notwendiger Beitrag zur Meinungsbildung genannt, aber viele äußerten sich auch kritisch, vor allem weil sie sich bevormundet und belehrt fühlten. Weiter seien die Nachrichten häufig auf deutsche Innenpolitik beschränkt, während man über die EU oder den Rest der Welt abseits von Katastrophen wenig erfahre. Schließlich seien die Nachrichten oft ohne hinreichenden Neuigkeitswert gesendet worden, auch wenn keine neue Entwicklung sichtbar sei. In den Nachrichtensendungen wurde außerdem die mangelnde Neutralität und Ausgewogenheit moniert. Das komme durch die Themenwahl und die Art der Berichterstattung oder Gesprächsführung zum Ausdruck. Nicht immer seien Meinungsbeiträge hinreichend klar markiert. Ein ähnlicher Vorwurf ging an Moderatorinnen und Moderatoren von Talkshows.

Meinungsformate wurden nicht durchweg abgelehnt; so wurden Satireshows von der Kritik an vermeintlichem Meinungsjournalismus ausgenommen. Vielmehr gehörten diese zu der Programmkategorie mit der besten Beurteilung.

Eine Kontroverse entwickelte sich um die Frage, ob das lineare Fernsehen noch von Bedeutung ist. Dabei wurde einerseits die Funktion des Fernsehens als Ort gemeinsamer Erfahrung sowie als Strukturierung des Alltags hervorgehoben, und einige warnten vor dem Ausschluss der meist älteren Offliner. Andererseits waren Stimmen, die das lineare Fernsehen als überholt betrachteten, deutlich vernehmbar. Unter anderem wurde in diesem Zusammenhang wiederholt auf die unattraktiven Sendezeiten hochwertiger Inhalte im linearen Ablauf hingewiesen.

Eine entsprechend hervorgehobene Rolle kam den Mediatheken in der Diskussion zu. Der Reformbedarf bei den Mediatheken war unstrittig. Die Teilnehmenden wünschten sich ein Angebot, das dauerhaft für alle standortunabhängig verfügbar ist und in dem alle Beiträge benutzerfreundlich zugänglich und zentral organisiert sind. Technische Innovationen wie eine verbesserte Suchfunktion wurden als notwendig empfunden. In der Diskussion wurde klar, dass vielen die rechtlichen Rahmenbedingungen und der kostenfreie Zugang nicht bekannt waren.

Kontroverse zu Finanzierung

Strittig war, wie viele Sender sinnvoll sind und wie diese sich unterscheiden sollen. Einige plädierten mit Blick auf die Kosten und den ihrer Meinung nach geringen Beitrag der einzelnen Sender zur inhaltlichen Vielfalt für eine Einschränkung der Senderanzahl. Eine Zusammenlegung von ARD und ZDF wurde nur vereinzelt gefordert, aber häufig gerieten die Dritten Programme in den Blick. Hier gab es allerdings starken Widerstand durch Teilnehmende, die die lokale und regionale Ausrichtung gerade erhaltenswert fanden, weil diese Einblicke ausschließlich in den öffentlich-rechtlichen Angeboten zu finden seien. Auch hier wurde deutlich, dass das Wissen über den gesetzlichen Auftrag zur Grundversorgung nicht sehr verbreitet ist.

In Bezug auf die Finanzierung gingen die Meinungen stark auseinander. Es wurden diverse Ideen vorgebracht, die zwischen der Forderung nach Abschaffung des Rundfunkbeitrags und konkreten Sparvorschlägen changierten. Neben der Zusammenlegung von Sendern wurde auch die Abschaffung von teuren Sport-Übertragungen gefordert. Durch Werbung sollten die Finanzierungslücken dabei nicht geschlossen werden. Vielmehr wurde die Finanzierung durch Werbung als problematisch empfunden. Bei der Diskussion über die Finanzierung wurde besonderer Wert auf die Beteiligung der Zuschauenden gelegt.

Viele Teilnehmende waren der Ansicht, das öffentlich-rechtliche Fernsehen solle darauf verzichten, gebührenfinanzierte Inhalte auf kommerziellen Plattformen wie Youtube oder Facebook anzubieten. Dafür wurden auch datenschutzrechtliche Bedenken geltend gemacht. Andere argumentierten, so könne man ein jüngeres Publikum erreichen, und schlugen vor, auf den Plattformen lediglich Kurzzusammenfassungen zu veröffentlichen, die als Einladung auf die öffentlich-rechtlichen Kanäle dienen können.

Fazit und Ausblick

Das Partizipationsverfahren hat stufenweise tiefere Einblicke in Positionen, Begründungen und den Wissensstand sowie Einstellungen gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk hervorgebracht. Die Themenfelder wurden in der ersten Phase zwar vom Grimme-Institut, dem DIID und der BPB entwickelt, die weitere Ausdifferenzierung wurde aber durch die Teilnehmenden vorgenommen. Indem sie zu bestimmten Themen unterschiedlich viele Beiträge hinterlassen haben und sich bei Fragestellungen entweder einig oder uneinig waren, haben sich unterschiedliche Diskussionspunkte und deren Relevanz herauskristallisiert. Durch die Ausgestaltung des Verfahrens konnte – wie in der Zielperspektive avisiert – ein Steuerungsprozess bottom up initiiert werden.

Das Gelingen hing von den Teilnehmenden ab. Diese haben die Möglichkeit produktiv genutzt und eigene Themenschwerpunkte gesetzt, Vorschläge gemacht und Fehlendes ergänzt. Das ausdifferenzierte dreiphasige Verfahren hat sich daher bewährt. Als positives Fazit können wir darüber hinaus feststellen, dass der Tonfall überwiegend zivil war und sich Inhalte häufig substanziell aufeinander bezogen. Nicht selten ergab sich ein enger Austausch über Bewertungen und Vorschläge.

Zu den aufgeworfenen Fragestellungen entwickelte sich ein Qualitätsdiskurs der Teilnehmenden. Dieser ging von der Programmgestaltung über die Frage von Qualitätsmaßstäben bis hin zu Vorschlägen zur Verbesserung der inhaltlichen und technischen Qualität des Fernsehens. Auch die Fragen von Vielfalt und Relevanz spielten dabei eine Rolle. Es wäre wünschenswert, wenn diese Gesichtspunkte im Kontext der aktuellen Debatte um die Reform des Auftrages des öffentlich-rechtlichen Rundfunks reflektiert werden würden. Eine entsprechende Reflexion wäre auch im Bereich der Expertendiskurse über Medien und für die öffentlich-rechtlichen Sender selbst sowie ihre Programmgestaltung fruchtbar.

Im Kern geht es um gesellschaftliche Anschlussfähigkeit, die Auseinandersetzung mit produktiven Anregungen und Kritik, aber auch um Transparenz und Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen der verantwortlichen Akteure in den Sendern, Gremien und der Politik. Gerade die Fragen der Ausgewogenheit und Transparenz wurden außerordentlich kritisch gesehen und können als “Hauptbaustellen” identifiziert werden.

Andererseits zeigten sich klare Wissenslücken vieler Teilnehmenden. Dies betrifft vor allen Dingen das Finanzierungsmodell des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und die Zusammensetzung und Funktion der Gremien. Die Wissenslücken erstrecken sich darüber hinaus auf die zentralen rechtlichen Rahmenbedingungen und die Zuständigkeit sowie Entscheidungskompetenz der Länder. Daraus resultieren Einschätzungen und Bewertungen, die dazu beitragen, dass der Eindruck entsteht, dass Sender und Politik interessengeleitet miteinander verwoben sind und eine Agenda verfolgen.

Kenntnisse über die Rechte von Produzierenden und Kreativen sind häufig ebenfalls nicht ausgeprägt. So entsteht unter anderem der Eindruck, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk “seine” Inhalte zurückhält und nicht für alle nutzbar macht. Auch diese wertvollen Einblicke und Erkenntnisse können Hinweise für eine Modifizierung des politischen und journalistischen Diskurses über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk bieten. Darüber hinaus bietet dieser Befund Anlass zu einer kritischen Überprüfung der Inhalte der Medienbildung. Diese war in den vergangenen Jahren, ganz verkürzt ausgedrückt, auf die Fragen der Digitalisierung der Gesellschaft ausgerichtet. Vertiefte Kenntnisse über die Aufgaben, die Regulierung und den Sinn und Zweck des deutschen Mediensystems werden in der Regel als Basiswissen in der Bürgerschaft vorausgesetzt. Wie die Online-Diskussion zeigt, besteht aber großer Erklärungsbedarf.

Will man diese Lücken schließen und auch in Zukunft Verständnis und Akzeptanz in der Bevölkerung für das System eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks erreichen, sollten Wissenslücken geschlossen werden. Hierbei können der öffentlich-rechtliche Rundfunk, Medienbildungseinrichtungen und die Medienpolitik einen wichtigen Beitrag leisten. Wünschenswert wäre, wenn zugleich der kritische Diskurs über die Ausgestaltung des Systems Beachtung finden würde. Das Verfahren verdeutlicht, dass der Wunsch nach Reformen besteht, und zugleich wurden konstruktive Vorschläge gemacht, wie diese aussehen können.

Gelungenes Modell

Mit dem Verfahren konnten die wesentlich gesetzten Ziele der drei verantwortlichen Institutionen erreicht werden, zum Teil wurden die Erwartungen übertroffen. Dies gilt zum einen für die große Resonanz, die sich in 2.418 Beiträgen niedergeschlagen hat, und zum anderen für die überwiegend zivile Art und Weise der Debattenführung. Wir sehen in dem entworfenen Partizipationsverfahren ein gelungenes Modell für weitere vergleichbare Verfahren. Die Ergebnisse können durchaus als Ermunterung verstanden werden, dass verantwortliche Akteure Partizipationsverfahren für aktuelle und konkrete Fragen selbst anbieten. Auch wenn die Befunde nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung stehen, sind hier Einsichten zu gewinnen, die über die Erkenntnisse aus typischen Umfragedaten klar hinausgehen.

Gegenwärtig werden die Ergebnisse der dritten Phase ausgewertet. Die Inhalte der für den 27. Mai in Düsseldorf geplanten Tagung orientieren sich an den Diskursbeiträgen. Diese sollen an die Verantwortlichen der Sender, der Medienpolitik und die Vertreterinnen und Vertreter der Branche adressiert und mit ihnen diskutiert werden. Die Erkenntnisse des Partizipationsverfahrens werden schlussendlich in die Arbeit des Grimme-Instituts, des DIID und der BPB einfließen. Für die Wissenschaft, die Medien- und Demokratiebildung und den gesellschaftlichen Mediendiskurs bieten die Diskursbeiträge wichtige Hinweise, die bearbeitet und vertieft werden können.

Darüber hinaus würden wir uns wünschen, dass dieses Verfahren Erkenntnisse und Anregungen für die Verantwortlichen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und die Medienpolitik bietet, die konstruktiv aufgegriffen werden können. Die große Zahl der Teilnehmenden belegt die Bedeutungszuweisung der Gesellschaft für das öffentlich-rechtliche Fernsehen und offenbart die große Bereitschaft und den Willen, sich an der Gestaltung der Zukunft des Fernsehens zu beteiligen.